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Schön schräg: #DieNanoinfluencer machen Podcast

von pottleben

#Die Nanoinfluencer aus Duisburg“Die gute Rheinseite liegt rechts. Rheinhausen ist links, da fällste dann vom Rand der Erde.” Wir hatten gerade den ersten Schluck vom Milchkaffee getrunken, da haut Marina bereits die erste Duisburgweisheit raus. Alice studiert noch die Karte und bestellt eine Quiche. “Wir sind jetzt auch bei iTunes und Spotify,” erklärt sie. “Das ist ein totaler Erfolg.” Wir sitzen an einem späten Samstagnachmittag im Café Krümelküche zwischen Dellviertel und Hochfeld und erfahren, wer hinter dem Podcast über viele verschiedene Themen und auch über das Ruhrgebiet steckt: Marina, Zustellerin bei der Post und rund 13 Kilometer täglich mit dem Fahrrad unterwegs, und Alice, SCM bei einer großen Buchhandelsgesellschaft. Schnell wird klar, dass die beiden genauso gerade heraus und derbe sind, wie in ihrem Podcast “#DieNanoinfluencer”, worin auch schon mal Menstruations- oder Saufgeschichten besprochen werden.

 

“Du warst in meinen Augen eine totale Spießerin.”

“Wir sind zusammen zur Schule gegangen, Alice war eine Klasse über mir,” erzählt Marina. “Wir haben uns gehasst. Ich war mit ihrer Schwester befreundet und fand Alice völlig ausgeflippt.” “Das bin ich ja bis heute,” Alice lacht. “Du warst in meinen Augen eine totale Spießerin ….” Sie lachen. “Ja, in mir schlummert ein konservativer Mensch. Das siehst du ja auch an meinem Beruf. Ich gehöre eher dem Proletariat an,” erklärt Marina. “Und ich repräsentiere die Bildungselite. Ich habe ja auch studiert,” wirft Alice ein. Irgendwann haben sie dann festgestellt, dass sie bei all den bis heute bestehenden Unterschieden doch denselben Humor haben. “Wir haben uns angefreundet und sind bis heute treue Seelen,” erklärt Marina.

 

#DieNanoinfluencer aus DuisburgWie kamt ihr auf die Idee zum Podcast?

Alice: Wir wollten etwas selber machen, etwas kreatives. Uns war immer klar, dass wir mindestens genauso witzig sind wie diese Leute auf YouTube. Als wir nach “50 Shades Of Grey” im Auto saßen und den Film eingehend kommentierten, dachten wir, dass wir jetzt vorne eine Kamera einbauen müssten. Aber für YouTube sind wir zu eitel. Marina sieht ohne Brille aus wie ein Nacktmulch.
Marina zuckt mit den Schultern.
Alice: Ich hatte Podcasts gar nicht auf dem Schirm. Das machen die anderen, die in Berlin. Ach dieser Berliner Zentralismus nervt, alles was cool ist, kommt aus Berlin. Dann habe ich ‘Herrengedeck’ gehört und meine Meinung geändert.

 

Und euer Name?

Alice: Da gibt es ja diesen Influencer-Hype. Und wir sind ja mal sowas von keine Influencer. Dann haben wir überlegt, welche Einheit noch kleiner als Mikro ist und sind dann auf Nano gekommen.

 

Was sind eure Themen?

Alice: Wir machen auf dem Podcast das, was die Außenwelt zum Thema Ruhrpott vermittelt.
Marina: Unser Podcast ist ja auch ein Pottcast. Aber es geht nicht nur um Duisburg oder um das Ruhrgebiet.
Alice: ÖPNV ist immer ein Thema und wird immer ein Thema sein.
Marina: Ich mag das Offene.
Alice: Ich mache mir Gedanken über Themen und schreibe einen Plan. Dann legen wir los … eine Stunde geht so schnell rum.
Marina: Der rote Faden geht oft verloren. Alice lacht ja auch die ganze Zeit.
Alice: Ich möchte Karten basteln und hochhalten … Aber wir arbeiten an Rubriken, das soll alles noch Kontinuität bekommen.
Marina: Ich mag es, sich über sich selbst lustig zu machen.
Alice: Ich kann auf verschiedene Arten Bierflaschen öffnen. Mit dem Lipgloss, an der Tischkante oder am Billyregal, mit dem Feuerzeug natürlich.

Nachdem wir uns eingegroovt haben, steigen wir in Marinas Auto und fahren ein Stück. Sofort ist uns klar, was die beiden meinten, als sie über YouTube-Filme aus dem Auto sprachen. Hier wird alles kommentiert: Die anderen Verkehrsteilnehmer, das Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer, die Fahrweise der anderen Verkehrsteilnehmer, der Zustand der Straße, das Schlagloch, der Song im Radio, die Dauer der roten Ampelschaltung. Weil sich Marina als Zustellerin in der ganzen Stadt bestens auskennt, erklärt sie, wer wo wohnt oder gewohnt hat, welches Schulgebäude wir gerade auf der rechten Seite sehen und wer da welchen Abschluss gemacht oder nicht geschafft hat. Nach zweieinhalb Minuten slidet sie auf einem kleinen Schotterparkplatz in die letzte Parklücke.

 

Auf ein leckeres Eis nach Hochfeld

Pottleben - Samstagnachmittag in Duisburg-Hochfeld

Wir stehen auf der Wanheimer Straße im Duisburger Stadtteil Hochfeld. Ein Wagen der Straßenreinigung fährt vor und leert die überquellenden Mülleimer. Aus der Straßenbahn steigen Familien mit riesigen Einkaufstüten aus. Wir holen uns ein Eis in der Traditionseisdiele Behrens und schlendern vorbei an Gemüsegeschäften und Dönerläden, an unrenovierten Gründerzeitgebäuden und bunten Fassaden aus den 1950ern. Viel ist nicht los, es ist noch zu früh, es ist Ramadan.

Marina erzählt von Marxloh und den Hochhäusern mit den mehrfach überklebten Namensschildern auf den Briefkästen. Aber auch von der Duisburger Straße mit ihren Brautmodengeschäften. “Da findet das Leben im Sommer draußen auf dem Gehweg statt. Die Atmosphäre ist toll dort. Aber es sorgt auch für das schlechte Image der Stadt.”

“Wie auch die Loveparade 2010,” ergänzt Alice. “Ich war damals auf dem Gelände. Wir haben gefeiert und es war echt nice. Dann kamen Nachrichten von Freunden, die wir gar nicht verstanden haben. Sie fragten, wo wir seien und ob es uns gut geht! Uns wurde klar, dass etwas nicht stimmt …”

 

Kalifornien im Rheinpark

Pottleben - Rhein in Duisburg

Pottleben - Graffiti-Walk im Rheinpark DuisburgPottleben - Rheinpark DuisburgOrtswechsel: Wir fahren zum Rheinpark. Am Gelände am Ufer machen zwei Mädchen mit lauten Gekreische Selfies. Wir gehen ein Stückchen weiter und schauen auf das Wasser. “Ich bin ja auf dem Wasser aufgewachsen,” erzählt Marina. “Mein Vater ist Binnenschiffer und so haben wir in den ersten Jahren auf dem Rhein gelebt. Irgendwann wollte meine Mutter ein normales Leben für ihre Kinder, mit Kindergarten und so. Wir haben dann dahinten gewohnt,” sie deutet in Richtung Eisenbahnbrücke. “Der Rhein war immer ganz in der Nähe. Und wenn mein Vater vorbei fuhr, hat er gehupt.” “Ach, ich würde schon gerne am Meer leben,” seufzt Alice.

Wir gehen von der Promenade in Richtung Wasserturm. “Hier ist Kalifornien!” Alice deutet auf den Skatepark, wo jetzt Hochbetrieb herrscht. “Wenn ich jünger wäre, würde ich hier immer abhängen,” Alice lacht. “Ja, die Jungs sind doch super sweet.” Das typische Klappern der Skateboards im Ohr schauen wir uns die Industrieruine mit den beeindruckenden Graffiti an. “Hier in der Ecke haben wir unser offizielles Foto aufgenommen,” Marina zeigt auf eine knallig rote Ecke mit Industrie- und Architekturmotiven. “Ich bin ja bei “#DieNanoinfluencer” für das Marketing zuständig,” erklärt Alice. “Und das hier ist typisch Duisburg und typisch wir.”

 

Sonntagsrunde um die Regattabahn

“Was ist noch typisch Duisburg,” fragen wir. “Tiger & Turtle,” sagen Alice und Marina gleichzeitig. Auf dem Weg zum Auto sieht man die beeindruckende Haldenskulptur vor dem bewölkten Himmel. “Dahin gehen wir natürlich auch regelmäßig,” Marina überlegt. “Der Zoo.” “Der Landschaftspark natürlich,” meint Alice. “Aber wir sind viel lieber am Wasser,” Marina und Alice schauen sich an. “Wir sind ja sonntags immer in Wedau und spazieren da um die Regattabahn.” “Die große Runde,” ergänzt Alice, “bei Wind und Wetter.”

Pottleben - Regattabahn im Sportpark Wedau

Wir fahren also zum Sportpark und gehen eine kleine Runde um den Parallelkanal. Hier sprudeln die Geschichten der beiden, die sie in Duisburg, in Bus und Bahn, im Nachtleben, im Freundeskreis, auf Reisen, auf Festivals erlebt haben, z. B. über die World Games, als Marina jobbend hinter den Kulissen Geiger David Garret traf und ihn professionell auf Englisch anquatschte. “Mir ist ja nichts peinlich,” erklärt sie, während wir noch an David Guetta denken und den DJ irgendwie so gar nicht mit einer Geige in Verbindung bringen können.

Es wird langsam dunkel. Aus “Micha’s Seehütte” ertönt Mitklatsch-Schlager und vier Gäste grölen mit in den Himmel gestreckten Händen mit. “Das sind solche Situationen …,” Alice schüttelt sich. “Ja Ruhrpott eben,” Marina lacht.

Nach über vier Stunden verabschieden wir uns, aber wir wollen uns noch einmal treffen. Es gibt einfach noch so viel zu erzählen. “Jetzt haben wir gar kein Selfie gemacht,” fällt Alice auf dem dunklen Parkplatz auf. “Das machen wir im Zoo oder im Landschaftspark,” versprechen wir.

Und jetzt hüpft mal bitte rüber zum Podcast “#DieNanoinfluencer”. HÖRBEFEHL!


[Text und Fotos: Silke König]

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