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Gasometer Oberhausen: Wo ist die Kunst?

von pottleben
Gasometer Oberhausen im Sonnenuntergang. Foto: Thomas Machoczek

Gasometer Oberhausen im Sonnenuntergang. Foto: Thomas Machoczek

Im September 2008 wurde er geadelt: Der Kölner Künstler Thomas Baumgärtel sprühte die berühmte Banane, das inoffizielle Siegel des globalen Kulturnetzwerkes, an den Gasometer. Kultur hat aber in den letzten Jahren kaum stattgefunden.

Als Scheibengasbehälter wurde der heutige Gasometer Oberhausen 1929 errichtet. Auf dem Gas schwamm die noch heute vorhandene, aber inzwischen befestigte Scheibe. Sie allein konnte aber den erforderlichen Gasdruck nicht gewährleisten, also mussten Betongewichte auf der Scheibe lasten. Das Gas wurde von unten eingeblasen und auch wieder entnommen, so dass die Gasdruckscheibe je nach eingelagerter Menge an den Wänden auf und ab glitt. 1988 wurde der Gasometer stillgelegt. Heute ist die Scheibe auf einer Höhe von 4 Metern befestigt und stellt die Plattform des Gasometers dar.

 

Ausstellungsort der besonderen Art

Als in den 1990er Jahren Begriffe wie Strukturwandel und Industriekultur diskutiert wurden, war es die Internationale Bauausstellung Emscher Park, die den Erhalt des Gasometers und seinen Umbau zum Ausstellungsraum anregte. Neben den thematisch sehr unterschiedlichen Ausstellungen ist bei den Besuchern vor allem die Ausstellungsplattform auf dem Dach des Gasometers der Hauptanziehungspunkt. Bei klarem Wetter hat man hier einen phantastischen Blick von den Stahlwerken in Duisburg bis zur Arena Auf Schalke und weiter.

Bereits die erste Ausstellung “Feuer und Flamme” war 1994/95 mit 500.000 Besuchern die bestbesuchte industriehistorische Ausstellung der Bundesrepublik. Während “Feuer und Flamme” thematisch noch an der Geschichte und Kultur des Ruhrgebiets haftete, löste sich “Ich Phoenix – Ein Kunstereignis” hiervon, und präsentierte vierzehn Künstlerinnen und Künstler, die sich intensiv mit dem Innen- und Außenraum des Gasometers auseinandersetzten. Die daraus entstandenen Werke – Bilder, Installationen und Aktionen – lockten in der Saison 1996 mehr als 95.000 Besucher nach Oberhausen. Eher technikverbunden war wiederum “Der Traum vom Sehen” in den Jahren 1996 und 1997. Doch auch die künstlerischen Aspekte kamen bei dieser Schau rund um das Medium Fernsehen nicht zu kurz. So schwebten vier, wie Globen anmutende Leinwände im Himmel des Gasometers, die wie eine Zappingmaschine dem Besucher sein eigenes Fernsehkonsumverhalten vorführten.

 

Christos “The Wall” und “Blaues Gold”

Christo und Jeanne Claude: "The Wall", 1999. Foto: Gasometer Oberhausen.

Christo und Jeanne Claude: “The Wall”, 1999. Foto: Gasometer Oberhausen.

Anlässlich der Abschlusspräsentation der Internationalen Bauaustellung Emscherpark wurde im Gasometer im Jahr 1999 eines der kühnsten Projekte realisiert: “The Wall” von Christo und Jean Claude, womit zum ersten Mal der gesamte Innenraum des Gasometers vollständig mit einbezogen wurde und dem Besucher seine Dimensionen erahnen ließ: 13.000 Ölfässer wurden zu einer 26 Meter hohen Wand aufgebaut. So entstand ein buntes Mosaik, eine beinahe entmaterialisierte Bildfläche, die knapp 400.000 Besucher begeisterte und zeigte, was hier in diesem Raum möglich ist.

Weitaus profaner, aber nicht weniger erfolgreich was die Besucherzahlen betrifft, war dagegen die im Jahr 2000 präsentierte Fußballausstellung “Der Ball ist rund”.

Mit der Ausstellung “Blaues Gold” wurde der charaktervolle Raum des Gasometers Oberhausen 2001/2002 erstmals auch in den Wintermonaten genutzt. “Blaues Gold” zeigte die kostbare Ressource Wasser in einer beeindruckenden Inszenierung auf drei verschiedenen thematischen Ebenen. Besucherliebling war die Wasser-Licht-Skulptur, die speziell für den gigantischen Innenraum des Industriedenkmals konzipiert wurde. Der in blau-weißes Licht gehüllte Wasserkegel ragte 50 Meter hoch in den dunklen Sternenhimmel des Gasometers.

 

Kunst vs. Dokumentation

Ein wahres Ausstellungshighlight war im Jahr 2003 die Installation “Five Angels for the Millennium” des amerikanischen Videokünstlers Bill Viola. Insgesamt 136.028 Besucher erlebten, wie sich auf fünf großformatigen Leinwänden das Hauptthema des Sprungs eines Menschen ins Wasser entwickelte. Auch im Sommer 2004 gab es eine große Ausstellung im Gasometer Oberhausen: Unter dem Titel “Wind der Hoffnung” war eine Dokumentation der Non-Stop-Erdumkreisung der Ballonfahrer Bertrand Piccard und Brian Jones im Jahr 1999 zu sehen. Höhepunkt der Ausstellung: der Breitling Orbiter 3 Ballon, der in voller Größe im Gasometer zu sehen war. Im Januar 2006 brachte das Theater Oberhausen die Zuschauer im Gasometer mit Tankred Dorsts “Parzival” zum Staunen. Zwei Wochen lang war die Inszenierung von Johannes Lepper mit einem riesigen Foucaultschen Pendel zu sehen.

 

Der Himmel im Gasometer

2006 verwandelte die Klang-Licht-Installation “Licht Himmel” der Berliner Künstlerin Christina Kubisch den Gasometer in einen einzigartigen Kunstraum. Die Ausstellung “Feuer Licht Himmel” zeigte zudem eine Dokumentation zur Geschichte und Technik des Gasometers.

In den folgenden zwei Jahren zeigte die Ausstellung “Das Auge des Himmels” die Erde aus der “Perspektive Gottes”. Die Schau präsentierte 56 großformatige Farbfotografien, die von Erdbeobachtungssatelliten ursprünglich für wissenschaftliche Zwecke aufgenommen wurden. Es war nach Angaben der Initiatoren die erste Satellitenbilder- Ausstellung dieser Dimension in Deutschland. Exponate und Filme aus den Bereichen Fernerkundung und Erdgeschichte ergänzten die Fotografien. An einem Terminal mit Großbildleinwand konnten sich die Besucher mit “Google Earth” die Welt virtuell erschließen.

Christos Installation "Big Air Package" im Jahr 2013. Foto: Gasometer Oberhausen.

Christos Installation “Big Air Package” im Jahr 2013. Foto: Gasometer Oberhausen.

Auch die Ausstellung “Sternstunden – Wunder des Sonnensystems” beschäftigte sich im Kulturhauptstadtjahr 2010 wieder mit dem Himmelsgewölbe und nahm den Besucher mit auf eine Reise in den Kosmos. Sie zeigte Nachbildungen des Planetensystems, großformatige Aufnahmen fremder Welten, kostbare historische Instrumente sowie die modernste Technologie der Weltraumforschung. Sie führte die Geburt und die Entwicklung unseres Sonnensystems vor Augen.

 

Wo ist die Kunst heute?

Abgesehen von Christos wunderbarer Luftinstallation “Big Air Package” im Jahr 2013, zeigt der Gasometer bis heute monothematische Überblicksausstellungen und hier in erster Linie Fotografien und/oder Reproduktionen oder Abbildungen zumeist in Kombination mit einer Großinstallation.

Kunst findet den Weg in den Stahlriesen nicht mehr. Vielleicht ist der riesige Raum auch eine zu große Herausforderung für Künstler. Oder ist moderne und zeitgenössische Kunst als Besuchermagnet weniger geeignet?

Die im Kohleausstiegsjahr 2018 erfolgreichen Ausstellungen “Kunst & Kohle” in den RuhrKunstMuseen zeigen, dass die Region selbst als Themen interessant ist und das Ruhrgebiet mit ihrer industriellen Vergangenheit noch zu bieten hat. Wieso in die Ferne schweifen, in den Weltraum oder in die Berge flüchten, wenn das Ruhrgebiet so viele Motive und Inhalte bietet?

Also: Wir sind Riesenfans des Gasometers. Aber da geht doch noch mehr, oder?

 

Gasometer Oberhausen

Arenastr. 11
46047 Oberhausen Neue Mitte

Öffnungszeiten:
täglich 10-18 Uhr

www.gasometer.de


[Text: Silke König | Foto: Gasometer Oberhausen]

 

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